Payback für Schirrmacher?
Letzte Woche habe ich Zeit gefunden, Frank Schirrmachers Payback zu lesen, was seit Sascha Lobos Gegenrede schon auf meiner Oster-Leseliste war. Mich hat interessiert, welche Antworten Schirrmacher auf das Gefühl des „ich verpasse etwas“ trotz rund um die Uhr Vernetzung via Internet gibt. Denn das Gefühl kann meiner Meinung nach nicht nur auf „kulturpessimistischer Ablehnung“ (Lobo) alter Machteliten fußen.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Buch zu dieser Frage:
- Der Versuch, der Informationsflut mit menschlichem Multitasking zu begegnen, verringert die Qualität unserer Arbeit.
- Wir sind kreativer, wenn uns die Unvollständigkeit bzw. Unsicherheit der Informationen mit denen wir arbeiten bekannt ist.
Getrübt werden viele interessante Seiten des Buches jedoch von unsauberen Stellen, an denen ich das Buch am liebsten zugeklappt hätte - drei Beispiele:
- Die folgenreiche Behauptung, große Teile der Wissenschaft gingen heute schon von der Grundannahme aus, dass der menschliche Geist ein Computerprogramm sei, belegt Schirrmacher nicht.
- Seine Zustimmung zu Anderson’s Behauptung die Wissenschaft bräuchte auf Grund der verfügbaren Daten nur noch Korrelationsanalysen und keine Modelle (S. 89) ignoriert, dass den Programmen (Algorithmen bei Schirrmacher) immer Informationen fehlen werden, um den konkreten Menschen und seine Absichten zu erkennen (zumindest so lange wir nicht alle in einer Matrix-Welt leben).
- Die Ortung von Menschen über GPS als Negativ-Szenario (S. 215): Technisch unmöglich, da GPS keinen Rückkanal hat. Oder meint Schirrmacher hier GSM?
Darüber hinaus baut Schirrmacher unnötige Fronten zur Generation der Netznutzer auf, indem er Computer und das Web an einigen Stellen personalisiert und dämonisiert. Publicity durch den Aufschrei der vielzitierten „Netzgemeinde“ (was immer das ist) und eine Auflagensteigerung hat dies zweifelsfrei erzeugt. Zwei Beispiele:
- „Dank Googles Image Labeling Datensammlung werden Computer die Muster der menschlichen Wahrnehmung besser verstehen und daraus Algorithmen bilden“ (S. 101) – Computer verstehen nicht und bauen nicht selber Algorithmen – der Geist kommt ja nicht aus der Maschine. Hierfür sind immer noch Menschen nötig. Für mich ist dies eine unnötig Angst schürende Formulierung einer selbstständigen Computerhandlung. Umso unverständlicher, da Schirrmacher an anderen Stellen des Buches dies durchaus korrekt darstellt.
- Der Schlusssatz auf Seite 142, das Netz sei dazu da, um uns als Individuen (ungewollt) gefunden/analysiert werden zerstört den eigentlich sinnvollen Hinweis, dass aktuelle Entwicklungen im Netz immer mehr die Auswertung der Nutzerassoziationen fokussieren und als Chance für ein besseres Nutzererlebnis sehen.
Inhaltlich lässt mich Schirrmachers Payback mit gemischten Gefühlen zurück – gelohnt hat sich das Lesen dennoch: Es ist ungeachtet aller o. g. Punkte eine große Leistung soviel Ansätze in gefälligem Schreibstil darzustellen und so die Motivation des Lesers, die genannten Ansichten zu hinterfragen und sich anhand der Quellenangaben sein eigenes Bild zu machen, zu befeuern.
PS: Interessante zu dem Thema auch im ZDF nachtstudio vom 11. April 2010: "Information Overkill - Wie verändert das Internet unser Leben?" - Gäste: Astrid Herbold, Peter Kruse, Sascha Lobo und Mario Sixtus.